Flucht mit Quassel

Kurzgeschichte von Eberhard Malwitz Mai 2008

Mit gespielter Gleichgültigkeit sah ich durchs Fenster auf die vorbeihuschenden grauen Fassaden, während meine Ohren vom monotonen Geräusch der Räder auf den Geleisen eingelullt wurden. Als die Bremsen quietschten und endlich erleichtert zischten, plärrte ein Lautsprecher:
„Lehrter Bahn…“. Der Rest ging im Getöse vorbeirasender S-Bahnen unter. Noch bevor sich die Türen automatisch öffneten, wagte ich einen Blick hinüber zu meinem Koffer, der herrenlos am Ende des Waggons stand.
Die beiden Uniformierten gingen durch die Reihen, musterten unverblümt die Reisenden und blätterten mit unbewegten Gesichtern in Ausweisen. Plötzlich war es ganz still, nur barsche Fragen zerfetzten ab und zu die Stille. Es herrschte angespannte Ruhe, die sich nach Geplapper und Lachen sehnte. Ein Kind quengelte.
Plötzlich klopfte es. Außer mir kannte niemand dieses zaghafte Klopfen. Erschrocken sah ich die kleinen Beulen, die sich synchron an meinem Koffer gebildet hatten. Gott sei Dank schienen die anderen das Klopfen den altersschwachen Luftdruckbremsen der S-Bahn zuzuschreiben, die noch als letzte Nabelschnur zwischen Ost- und Westberlin verkehrte.

„Sei still“, rief ich in Richtung meines Koffers, und hoffte die Mitreisenden und Grenzsoldaten würden zwischen meinem Ausruf und dem Klopfen keinen Zusammenhang erkennen.
Als die Uniformierten wieder auf dem Bahnsteig standen und die S-Bahn Fahrt aufgenommen hatte, setzte allmählich wieder das ersehnte Geplapper ein, hier und da sogar ein zaghaftes Lachen, als sei nichts gewesen.

Ich setzte mich auf meinen Koffer und sprach zu mir selbst, so sollte es jedenfalls für die anderen aussehen, vor allem für den einen Mann, der mich die ganze Zeit so dreist ansah. Wahrscheinlich einer von diesen Spitzeln, die sich manchmal unter die Reisenden mischten. Doch Quassel hatte verstanden, dass nur er gemeint war.
„Halte durch, Quassel, wir sind gleich da“, zischte ich. Und wie zufällig ließ ich eines der beiden Schnappschlösser aufspringen, um ihm etwas Luft zuzufächeln.
Außer Quassel befanden sich nur noch meine Zeugnisse im Koffer und was meine Mutter mir so eingepackt hatte. Ich dachte, die Zeugnisse könnten im Westen wichtig sein.
Bahnhof Zoo, las ich, als die Bahn ausrollte. Ich betrat so lässig wie möglich den Bahnsteig, denn in Sicherheit ich erst, wenn ich das Bahnhofsgelände verlassen hatte, das noch zum Hoheitsgebiet der DDR gehörte.

Quassel hätte ich im Osten niemals zurückgelassen, obwohl er mir nur Arbeit machte. Ich verstand selbst nicht so recht, was ich an ihm fand, vermutlich weil er auf all meine Fragen immer eine Antwort wusste. Aber von selbst kreierte er keine Ideen und einen intelligenten Rat konnte man von ihm überhaupt nicht erwarten.
Ich habe bis heute nicht verstanden, woher er sein Wissen eigentlich hatte. Quassel war ein Puck ohne Schulbildung, eines dieser Erdmännchen, wie sie im Norden haufenweise herumlaufen, insbesondere auf der Insel Rügen.
Nein, nicht auf den Straßen, Pucks leben dort tief in Wäldern und noch lieber in Mooren.
Die Einheimischen erzählen sich so manche Geschichten über die Erdmännchen. Wenn Bauern allein durchs Moor gehen, kann es heute noch vorkommen, dass sie mit Kieselsteinen beworfen werden. Wer sich schnell umsieht, erblickt allenfalls noch die Zipfelmützen dieser Dreikäsehochs.
Ich, der auf den Moorwiesen öfter die Kühe hütete, sah sie manchmal in voller Zwergenstatur. Sie schienen sich an mich gewöhnt zu haben, denn sie sprachen mich sogar an. „Wie heißt du, was machst du hier, wo kommst du her“, wollten sie wissen.
Eines Tages griff ich zu und hatte Quassel gepackt. Mit den Jahren hat er sich so an mich gewöhnt, dass er nicht mehr ins Moor zurück wollte. Ich bin sicher, außer mir hat ihn noch niemand gesehen, nicht einmal meine Mutter, obwohl sie während des Osterputzes immer das ganze Haus auf den Kopf stellte.

Als ich im Haus meiner Tante in Westberlin eintraf und meinen Koffer in der Dachkammer - meinem neuen Zuhause - abgestellt hatte, ließ ich Quassel heraus. Sofort machte er sich unsichtbar - nicht etwa durch Zauberei, wie es in den Sagen der Rüganer immer behauptet wird, sondern nur durch seine Fähigkeit, sich geschickt zu verstecken - und schlüpfte sofort unter den Schrank. Ich knipste das Licht aus, um meiner Tante zu signalisieren, der Junge ist müde. In Wirklichkeit hatten mich die neuen Eindrücke aufgewühlt, die schön gekleideten Menschen auf dem Ku’damm flanierten vor meinen geschlossenen Augen vorbei und tausende Autos brausten noch durch meine Ohren. In meiner Nase waren noch die Gerüche des riesigen Obststands mit Kisten voller Apfelsinen und Bananen. Der alte Mann, der an einer Hauswand kauerte, ein Pappschild in der einen Hand, in der anderen eine Blechdose, störte das Bild meiner Erinnerung, musste aber weichen, als die schöne Blonde vor meinem inneren Auge vorbeistolzierte. 

„Quassel“, rief ich leise, „schläfst du schon?“, während meine Gedanken immer noch bei der schönen Blonden weilten, die mir auf dem Ku’damm aufgefallen war, mit rot geschminkten Lippen, gestylten Haaren und einem Kleid wie aus Seide. Murrend kam Quassel hinter dem Schrank hervor: „Was willst du, ich bin müde.“
Ich überhörte seinen vorwurfsvollen Ton und flüsterte: „Quassel, ich glaube, ich habe mich heute verliebt.“
„Was? Ich glaube du spinnst, redest jetzt von Liebe, sei lieber froh, dass man uns an der Grenze nicht erwischt hat!“... mehr auf Anfrage: